RESOZIALISIERUNG
Der Weg der Resozialisierung war und ist ein langer und mühsamer.
Die ersten Schimpansengruppierungen wurden schon in langsamen Schritten in der Forschung begonnen:
Im ersten Schritt setzte man anstatt der Fenster ein doppeltes Gitter ein, sodaß die Affen sich nur mit den Fingerspitzen berühren konnten, der sogenannte „Fingertip“(siehe Foto). Dieser erste Kontakt war wichtig um den Tieren die Möglichkeit zu geben Reaktionen von Ihren Artgenossen zu lernen und ohne Folgen reagieren zu können.
Es ist als müssten wir eine fremde Sprache erlernen und durch ihre Isolation hatten sie auch nicht die Möglichkeit anhand der Mimik Rückschlüsse auf den Gemütszustand des Partners zu ziehen.
Die weiteren Schritte begannen dann in den Affenhäuser in Gänserndorf.
Dies waren die Vorstellungsgespräche über den Türspalt am Schuber.
Dabei konnten zwei Schimpansen über einen Türspalt mit einander interagieren: „reden“, berühren oder auch nur ansehen. Anfangs waren manche Schimpansen so schüchtern, dass sie nur ganz verstohlen durch den Spalt gespickelt und sofort wieder weg gesehen haben, wenn der andere hinsah. Manche Paare waren so aufgeregt, dass sie alles gleichzeitig gemacht haben: unglaublich freundliche Einladungen herzukommen und sich in den Arm zu nehmen und wilde Imponierveranstaltungen mit Fuchteln und Drohen. Dann haben die so behandelten Schimpansen oft Schutz bei uns Menschen gesucht. Hier hieß es nun aber hart bleiben und sich heraushalten: Das mussten die Schimpansen miteinander klären. Wenn die beiden Schimpansen ruhig waren und womöglich noch gelassen freundlich, erst dann haben wir die Türe geöffnet und beide Schimpansen zusammen gelassen.
Schimpansen, die zum ersten Mal zusammen im selben Raum waren, haben sich manchmal an weit entfernte Stellen verkrümelt und so getan, als wäre da gar keine offene Tür, als wäre da gar kein zweiter Schimpanse. Denen mussten wir einfach Zeit lassen. Andere waren regelrecht high und haben begonnen wie wild mit einander zu spielen, Fangen und Ringkämpfe. Wir Menschen standen dabei und hatten Herzklopfen bis zum Hals: würde es gut gehen oder würde es kippen? Würde einer plötzlich Angst bekommen? Würde der andere das verstehen und wieder mehr Abstand halten? Atemlos haben wir zugeschaut, wenn Schimpansen ausprobierten, was man alles miteinander anfangen kann. Jede Körperöffnung musste inspiziert werden, alle erdenklichen erotischen und zärtlichen Gesten wurden erfunden. Die Bonobos sind ja bekannt dafür, dass sie ein so ausgeprägtes Sexualleben haben. Was Schimpansen allerdings zeigen, wenn sie nach langer Trennung zum ersten Mal einen anderen Affen körperlich berühren können, dürfte durchaus mit Bonoboverhalten zu vergleichen sein!? Nur ganz selten sind die Schimpansen bei diesen ersten Begegnungen in Streit geraten.
Aus Paaren von Schimpansen, die sich mit einander vertragen, haben wir dann nach und nach größere Gruppen gebildet. Also, nachdem Pünktchen mit Gabi zusammen sein konnte, und Ingrid sich mit Pünktchen und mit Gabi vertragen hat, durften Gabi, Ingrid und Pünktchen zusammen kommen. Dass sich solche größeren Gruppen auch vertragen, ist bei Leibe keine Selbstverständlichkeit: es gibt eine Art Affen-Chemie, die dafür sorgt, dass wenn mehrere bekannte Elemente (sprich Schimpansen) zusammen kommen, eine unvorhergesehene Reaktion entstehen kann. Im einfachsten Fall ist ein Schimpanse einfach eifersüchtig und will zwei andere, die gerade nett mit einander sind, trennen. Meist erreicht er damit genau das Gegenteil, die beiden schließen sich noch enger und gegen ihn zusammen. Es gibt aber auch komplizierte Gruppendynamik. Etwa so: wenn Johannes gegen Holo Angstschreie macht, unterstützen ihn Isidor und Jakob solange, bis Holo versucht mit Isidor Frieden zu schließen. In dem Moment attackiert dann Jakob Isidor und Johannes eventuell sogar auch Holo, bis Holo in Jakob seine einzige Rettung sieht und sich mit ihm verbündet. Dann könnte Ruhe einkehren außer Isidor ist nun beleidigt und zündelt weiter.



